Drei Dinge, die ich als sensible Mimose gerne früher gewusst hätte

 

1. Dass (Hoch-)sensible Menschen Wahrnehmungen, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen haben, die sie von vielen anderen unterscheiden

Und dass ich zu ihnen gehöre. Irgendwie bin ich lange Zeit davon ausgegangen, dass jeder so – oder zumindest so ähnlich – denkt und fühlt wie ich. Oder ich wie sie. Manchmal vergesse ich immer noch, dass es nicht so ist. Leider sind durch diese Annahme Enttäuschungen vorprogrammiert.

In der Schulzeit zum Beispiel. Alle freuten sich auf den Ausflug oder die Klassenfahrt. Ich nie. Wirklich NIE. Im Bus habe ich in eine Plastiktüte gebrochen, um dann irgendwann später erschöpft aus dem Bus zu stolpern. Am liebsten wäre ich gar nicht erst mitgefahren. Stunden – manchmal tagelang Menschen und Action um mich herum, ohne auch nur den Hauch einer Chance auf ein paar Minuten Rückzug. »Was in aller Welt stimmt nicht mit mir?« habe ich mich so oft gefragt. Warum hatten die meisten Kinder Spaß an etwas, das für mich eine Qual war?

Heute weiß ich, ich konnte nichts dafür. Fast tut es mir selbst ein bisschen leid, wenn ich auf dieses kleine Mädchen zurück blicke. Und ich wünsche mir für alle sensiblen Kinder dieser Welt, dass sie von Erwachsenen, die sie lieben, vor solchen Situationen beschützt werden.

Der Kern des Glücks: Der sein zu wollen, der du bist. Erasmus von Rotterdam

2. Dass sensible Menschen sich auf ihre Wahrnehmung verlassen können

Eine neue Frisur, ein anderes Parfum, eine veränderte Schminktechnik – Dinge, die mir an anderen schnell auffallen, auch wenn noch niemand sonst es bemerkt hat. Oft schon waren Leute überrascht, wenn ich sie darauf angesprochen habe.

Bei meinem Nebenjob an einer Supermarktkasse gab es mal einen Kunden, der regelmäßig Wachteleier gekauft hat. Eines Tages fehlten diese bei seinem Einkauf – also fragte ich ihn, ob er sie vielleicht vergessen hat. Er hatte sie absichtlich nicht gekauft, war aber mehr als überrascht von meiner Frage. Möglicherweise habe ich ihm durch meine Wahrnehmung unverhältnismäßig großes Interesse an seiner Person signalisiert, aber für viele sensible Menschen ist das einfach »normal«. Dummerweise ist es häufig genau so normal, von sich selbst auf andere zu schließen und sich zu wundern, warum andere nix merken. Warum? Weil sie wirklich nichts merken.

3. Dass (Hoch-)sensible Menschen oft nicht multitaskingfähig sind

Multitaskingfähig war ich irgendwie noch nie – dabei wollte ich es oft so gerne sein. Es vermittelt doch scheinbar so angesagte Fähigkeiten wie Flexibilität, Schnelligkeit und Spontanität. Zugegebenermaßen sind all das Eigenschaften, mit denen ich mich nie wirklich identifizieren konnte. Selbst wenn der Fernseher läuft, will ich fernsehen – und nicht putzen, bügeln oder telefonieren. Bin ich gezwungen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, kommt dabei meist nichts Gutes raus und wenn ich dabei zusätzlich noch beobachtet werde, kann ich mich blitzschnell in den Elefanten im Porzellanladen verwandeln. Aber woran liegt das? Weil zu viele Reize von außen die Koordination empfindlicher Menschen so stark beeinflussen, dass sie quasi nichts mehr auf die Reihe kriegen. So einfach ist das.

 

»DAS PROBLEM MIT DEM SENSIBEL SEIN IST, DASS DIR MANCHMAL SOGAR DIE ARSCHLÖCHER LEID TUN.«

 

Hinter all diesen Punkten – und es gibt sicher noch viele mehr – steckt eigentlich immer der Gedanke: was stimmt nicht mit mir? So viele Situationen voller Selbstzweifel prägen die Persönlichkeit sensibler Menschen und stellen die Kompatibilität mit dem Rest der Menschheit in Frage. Dabei gibt es Ursachen und Gründe für die eigene Wahrnehmung und das daraus resultierende Verhalten. Manchmal braucht es nur ein bisschen Mut, darauf zu vertrauen.

Eure Steffi

Was sind Dinge, die Ihr gerne früher gewusst hättet?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Liebe Steffi,
    gern möchte ich dir zu deinen Mimosen-Ausführungen etwas schreiben. Ja, Kinder brauchen Eltern – insbesondere Mütter, die ihnen in solchen Situationen, wie in deiner Beschreibung dargestellt, zu Seite stehen; ihnen den rücken stärken. Leider ist das als Verweichlichung „angeordnet“ worden. Viele halten sich daran. Ein Schulsystem kann nicht auf Sensibilitäten eingehen. Es erkennt sie nich einmal! Ich habe mich für mein Kind sehr stark gemacht. Meine Feststellungen waren sehr befremdlich. Waren es doch überwiegend Frauen, die es mir schwer gemacht haben. Frauen, die es anderen Frauen sehr schwer machen. Frauen, die selbst Kinder haben. Interessant. Auffällig.
    Schulleiterinnen. Leherinnen. Schulpsychologinnen. Andere Mütter. Sie wehcselten soagr die Straßenseite! Ich habe sie mit meiner Haltung, mit meinem Handeln daran erinnert, was der Nachwuchs, was ein Kind tatsächlich braucht. Das war mitunter schmerzhaft. Wenn man nicht der Norm entspricht, dann verunsichert das. Wenn du ein Kind hast, welches nicht der Norm entspricht, weil es bereits als kleines Schulkind andere Interessen als die große Schar hat, dann bist du gänzlich unerwünscht bis böse! Mein Kind hat Klassenfahrten „verweigert“. Ich habe es darin belassen. Das war ein übel seitens der Lehrerechaft. Liebe Steffi, wenn es so viel Antsrengung kostet, all die Reize abzuwenden oder gar zu filtern, dann sollte sich jeder zurück ziehen dürfen. An Schulen und in Kindergärten sowie an Arbeitsplätzen, gibt es solche Räume gar nicht. Meine temporäre Arbeit als Entspannungspädagogin mit Lehrern hat dies deutlich aufgezeigt. Das Denken ist dort noch nicht – oder nie! – soweit! Das würde ja wieder Sensibilität bedeuten, nicht wahr! Sensibel sein wird dort als Schwäche angesehen. Auch im Lehrertum.
    Du Feine!
    Ich grüße dich herzlich! Angela an Steffi

  2. Wie immer ein sehr offener Beitrag.Ich denke auch dass ich ein sensibler Mensch bin.Manchmal wenn mir jemand unvorbereitet Gemeinheiten ins Gesicht sagt bin ich sprachlos, weil ich sowas nie tun würde.Da wäre ich gerne anders- schlagfertig und mit einer dicken Haut ausgestattet.
    Bussi Bettina

  3. Liebe Steffi,
    ich bin total froh, heute über deinen Beitrag „gestolpert“ zu sein 😉 Naja, ich wusste ja, dass ich ihn lesen wollte.
    Jedenfalls finde ich das Geschriebene wirklich sehr interessant. Ich weiß, du bist keine Wissenschaftlerin und das hier ist keine Doktorarbeit, aber ich denke, die Punkte, die du ansprichst, sind ein Abbild der Bezeichnung „Sensibelchen“.
    Und während ich so lese, frage ich mich, ob ich auch dazu gehöre. Ich mein, ich habe mir niemals jemals dazu Gedanken gemacht und trotzdem geht Gesagtes 1:1 mit mir einher.
    BesonderS: „Alle freuten sich auf den Ausflug oder die Klassenfahrt. Ich nie. Wirklich NIE. Im Bus habe ich in eine Plastiktüte gebrochen, um dann irgendwann später erschöpft aus dem Bus zu stolpern. Am liebsten wäre ich gar nicht erst mitgefahren.“
    Du sprichst doch hier von mir, oder?
    Auch, dass mir an anderen Dinge auffallen, die sonst niemanden auffallen oder, dass ich nicht gleichzeitig fernsehn und lesen kann oder so.
    Ich glaube wir zwei müssen uns mal wieder treffen und genauer ins Thema gehen :-*

    XOXO und liebe Grüße
    Deine Sarah
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